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Samstag, 15. August 2015

Neuer Polnischer Kapitalismus

"Neuer Polnischer Kapitalismus" von Jane Hardy
1989 wechselte Polen vom Kommunismus zum Kapitalismus. Es ist im Allgemeinen bekannt, dass Polen eine Schocktherapie umsetzte, die Staatsunternehmen zerlegte, sie an Privatunternehmer verkaufte und das Land fremdem Kapital öffnete, ohne auf irgendeine Weise lokale Firmen zu schützen. Anders als zum Beispiel in Russland und Jugoslawien, war die Schocktherapie in Polen einigermaßen erfolgreich und das Land wurde zu einem kapitalistischen Mekka, dessen BNE ununterbrochen wächst. So wurde uns wenigstens gesagt.

Die Wirklichkeit ist aber komplizierter. Die Privatisierung von Staatsunternehmen war nicht ausführlich. Vierzehn der fünfzehn größten Gesellschaften in Polen gehören dem Staat. Sie sind in Branchen wie Öl (Orlen, PGNiG, Lotos), Bergbau (KGHM Polska Miedź), Versicherung (PZU), Finanz (PKO SA), Energie (PGE) und Logistik (PKP) tätig. Die Mehrheitsmeinung in Polen ist, dass Firmen aus strategischen Branchen in Staatsbesitz bleiben sollten, ansonsten könnten sie in den Besitz von ausländischem Kapital geraten oder von Oligarchen erworben werden, die keinen Mehrwert erzeugen würden, wie es häufig der Fall in Russland ist. Ob diese Firmen vom Staat gut verwaltet werden - da scheiden sich die Geister.

Die Privatisierung in Polen traf hautpsächlich die Fertigungsbranche, wie zum Beispiel die Auto- und Elektrogeräteindustrie. Die meisten Staatsunternehmen wurden an ausländische Investoren verkauft, die sie in mehrere Teile zerlegten. Dabei behielten sie die guten Teilen und lösten die schlechten auf.  Manchmal war das einzige Ziel eines Einkaufs die Erwerbung von Immobilien und Personal, damit die Firma Fuß in dem Land fassen konnte. Das Ergebnis dieses Prozesses war die Schaffung eines ziemlichen effizienten Fertigungssektors in Polen, der aber fast vollständig im Besitz von fremdem Kapital ist. Die polnischen Arbeiter zeigten sich produktiver als diejenigen anderer Länder in Osteuropa, teilweise weil Polen schon während der kommunistischen Ära Waren für den Export nach den westlichen Märkten herstellte.

Die Transformation verursachte aber hohe soziale Kosten. Der Staat gewährleistet nicht mehr, was früher selbstverständlich war ( Wohnung, Arbeit, Gesundheitsversorgung, Ausbildung, Kinderkrippen...). Die Arbeitslosigkeit ist nicht so hoch, nur weil viele Jugendliche von den offenen Grenzen Gebrauch gemacht haben und ausgewandert sind. Diejenigen, die in Polen geblieben sind,
müssen von Gehältern überleben, die sich im Bereich von 300 Euro bewegen, daher suchen sie oft einen zweiten Job. Es muss erwähnt werden, dass importierte Waren in Polen ebenso viel wie in der Eurozone kosten. Die Gewerkschaften sind stark in Staatsunternehmen, sind aber ziemlich ineffektiv in privaten Firmen, in denen eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft sogar zur Entlassung führen kann.

Das Gefühl ist aber verbreitet, dass es im Land unausweichlich aufwärts geht. Weil es den Polen nicht erlaubt wird, die Mängel an Waren und die Schlangen der Kommunistischen Ära zu vergessen, muss auf sie das Einkaufen in einem der vielen Einkaufszentren fast befreiend vorkommen, selbst wenn sie wenig Geld haben. Dank den Finanzierungen der Europäischen Union konnte eine bessere Infrastruktur gebaut werden, wie zum Beispiel Straßen, Flughäfen, Eisenbahnlinien, Aquädukte, Krankenhäuser und Universitätsgebäuder. Es gibt lokale Unternehmen, die einen ungleichen Kampf gegen multinationale Firme führen, die sogar Steuererleichterungen in Polen genießen. Weil die Polen sich aber immer noch am meisten vor den Russen und vor einer möglichen Rückkehr des Kommunismus fürchten, unterstützen sie nach wie vor den Weg zum Neoliberalismus.

Donnerstag, 11. Juni 2015

Rettet die blauen Schmetterlinge !

Am großen Tag

Es gibt einen sehr schönen Park innerhalb der Gemeinde von Krakau, in dem sich ein schöner See befindet, der die Gestalt eines Schmetterlings hat: Zakrzówek. Dort hat man fast das Gefühl, dass man sich in den Bergen befindet. In diesem Park kann man auch eine sehr seltene Art von blauen Schmetterlingen finden.

Dafür, dass der Park immer noch existiert, müssen wir der Künstlerin Cecylia Malik danken, wie sie in diesem Video erzählt. In der Tat hatte die Gemeinde die Wiese neben dem See 2011 an eine portugiesischen Baufirma verkauft, die dort ein Wohngebiet entstehen lassen wollte. Die Gemeindeverwaltung hatte die Öffentlichkeit nicht darüber informiert und die Transaktion wurde fast geheimgehalten. Cecylia erfuhr davon per Zufall. Ihre Kontakte sagten ihr, dass die Entscheidung schon getroffen worden war und man konnte nichts mehr dagegen unternehmen.

Als sie vom Plan des Wohngebiets erfuhr, fuhr sie mit dem Fahrrad zum Park und entschied sie, nicht untätig zusehen zu wollen, dass der Park zerstört wird. Dann plante sie zusammen mit ihrer Schwester eine Aktion, die die Aufmerksameit der Öffentlichkeit und der Presse erregen würde, um Druck auf die Gemeindeverwaltung zu machen. Sie beschlossen, eine Armee von blauen Schmetterlingen ins Leben zu rufen.

Sie drehten ein Video, in dem es beschrieben wurde, wie man sich zwei Paare blauer Schmetterlingsflügel ausschneiden kann. Sie hatten vor, innerhalb eines Monats ein Kollektiv der blauen Schmetterlinge ("Modraszek Kolektyw") zu etablieren, das sich zu einem bestimmten Datum im Park Zakrzówek treffen würde und einen riesigen Schmetterling aus Menschen bilden würde.

Die Initiative wurde sehr schnell viral. Innerhalb des folgenden Monats wurden überall blaue Schmetterlinge gesichtet, sowohl in der Stadt als auch in den  sozialen Netzwerken. Kultur-, Politik- und Ökovereine wurden involviert (einschließlich des Verbandes der Anarchisten), es wurden Infostände in der Stand aufgestellt, Flyer verteilt, Videos gedreht, Artikel in den Zeitungen geschrieben und Berichte im Radio gesendet. Alle Erwartungen wurden übertroffen und an dem großen Tag eroberten die blauen Schmetterlinge nicht nur den Park, sondern die ganze Stadt - sogar die Denkmäler zogen blaue Schmetterlingsflügel an.

Vetreter des Kollektivs trafen einige Vertreter der Gemeindeverwaltung, die sich gezwungen sahen, das Projekt zu streichen. Der Park existiert immer noch, aber nur die Schlacht wurde gewonnen, und nicht der Krieg. Der See ist mit Drahtzaun umgeben und nicht frei zugänglich, weil er immer noch Gerium gehört. Trotzdem schlagen Bürger und Angehörigen des Kollektives immer noch Löcher in den Zaun, damit man an den Wochenenden einige Stunden am See verbringen kann, obwohl es illegal ist und man theoretisch ein Jahr Gefängnis riskiert. Ich bin selber einmal hingegangen. Die Gemeinde plant schon wieder, dort ein Wohngebiet erbauen zu lassen. Ich befürchte, man wird noch einmal auf die Straße gehen müssen. Diesmal gehe ich mit, ich muss nur lernen, wie man Schmetterlingsflügel bastelt...

Sonntag, 31. Mai 2015

Die Freiheit ist nutzlos


Zur Zeit des Kommunismus hattest du Geld, aber es gab nichts, das man kaufen könnte.
Zur Zeit der Demokratie sind die Regale voller Waren, du hast aber das Geld nicht, um sie zu kaufen.


Ein Thema, mit dem man sich unvermeidlich auseinandersetzen muss, wenn man in Polen oder in einem anderen osteuropäischen Land lebt, ist die kommunistische Ära. Viele der Meinungen und Verhalten können nicht verstanden werden, wenn man dieses historische Erbe nicht in Betracht zieht. Polen, im Unterschied zu den Russen, sind nicht besonders behilflich, wenn es darum geht, diese Ära zu verstehen. Wahrscheinlich wollen sie damit beweisen, dass sie den Kommunismus überwunden haben, und im Allgemeinen reden sie nicht gerne darüber. Es handelte sich übrigens um ein Regime, das von außen aufgezwungen wurde.

Angeblich sagte einmal Lenin, dass "die Freheit ist nutzlos, wenn man verhungert". Mich beeindruckte dieser Satz, und ich glaube, dass er die Grundidee vom Kommunismus sehr gut darstellt. Nahrung, Wohnung, Arbeit und medizinische Versorgung werden zugesichert, aber viele Freiheiten werden entnommen und es ist nicht erlaubt, sich von der Masse abzuheben oder etwas Neues zu versuchen. Es ist eine Ideologie, die immer noch für Arme und Besitzlose anziehend wirkt. Übrigens sind die kommunistische Regierungen in Osteuropa letztendlich gescheitert, nicht weil es keine Freiheit gab, sondern weil sie nicht mehr in der Lage waren, ihr Grundversprechen zu halten. In China entwickelte sich die Lage anders.

Es ist aber fraglich, ob die Volksrepublik Polen und die anderen osteuropäischen Staaten wirklich "kommunistisch" waren. Laut Marx ist der Kommunismus die letzte Stufe des Revolutionprozesses. In dieser Phase gibt es eine klassenlose Gesellschaft. Jeder nimmt nach seinem Bedarf und gibt nach seinen Möglichkeiten. Gesellschaftsklassen aber existierten immer noch in den kommunistischen Ländern, abhängig von der Stelle, die man in der Machthierarchie einnahm, und von dem Zugang zu den chronisch "defizitären" Konsumgütern. Sogar diejenigen an der Spitze gaben zu, dass die Revolution noch nicht vollständig war und sich immer noch im Stadium der Diktatur des Proletariats befand, weil der Kampf gegen die dekadenten kapitalistischen Länder weitergeführt werden musste. Der politsche Verfolgte Trotzky dagegen behauptete, dass es sich um eine "Verratene Revolution" handelte, die zu einer "Diktatur der Bürokraten" ausgeartet war, und sah voraus, dass sie letztendlich scheitern würde.

In der Volksrepublik Polen gab es die Todestrafe, die gegen Hunderten von Leuten vollzogen wurde. Das Auswandern war nicht erlaubt und sogar als Schwerverbrechen gesehen, und nur wenige Priviligierte durften ins Ausland reisen. Viele Bücher waren verboten. Der cronische Mangel an Verbrauchsgütern wurde sowohl durch Inkompetenz, Korruption und Ineffizienz, als auch durch schlechte Logistik, Infrastruktur und technologischen Rückstand verursacht. Ich habe immer noch nicht verstanden, wie so ein strenges Regime es nicht schaffte, die Leuten zur Arbeit zu zwingen, und zuließ, dass die Arbeiter "immer Recht auf zwei Tausend zloty pro Monat hatten, unabhängig davon, ob sie schliefen oder arbeiteten". Hinzu kommt, dass in den Staatsfabriken die Arbeiter sehr viel gestohlen wurde.

Die Volksrepublik Polen war aber deutlich anders als die Sowietjunion. In Polen wurde die Landwirtschaft kaum kollektiviert. Die katholische Kirche genoß einige Priviligien, und einige Oppositionsbewegungen wie Solidarność wurden toleriert, bis es dann aber doch zu ihrer Niederschlagung während des Ausnahmezustands zwischen 1981 und 1983 kam.

Am Ende gab es keine Revolution, sonder einen runden Tisch. Vertreter der Regierung und der Opposition setzten sich zusammen und einigten sich, wie sich der Regimewandel abspielen sollte. Da es keinen Bruch gab, konnten viele Kommunisten in dem neuen System überleben und sogar erfolgreich sein. Sogar der letzte Diktator Jaruzelski konnte sich aus der Verantwortung für den Ausnahmezustand herausreden, wurde zum Präsidenten gewählt und starb in seinem eigenen Bett, statt erschossen oder ins Gefängnis gebracht zu werden. Die Nachfolger der Kommunistischen Partei schafften es, mehrmals wieder an die Macht zu kommen, bis sie in einige Skandale verwickelt waren und die Partei zusammenbrach..

Tatsächlich scheinen die Polen gegenüber der kommunistischen Ära nicht wirklich von Grund auf negativ eingestellt zu sein. Die Filme, die in jener Periode gedreht wurden, sind immer noch die beliebtesten, obwohl sie versteckte Propaganda enthalten. Es werden regelmäßig Bücher veröffentlicht, die den Eindruck geben, dass das Leben unter dem Kommunismus nicht so schlecht war. Die Meinung, dass der Kommunismus doch viele gute Seiten hatte, ist verbreitet und akzeptabel - das Gleiche in Italien und Deutschland über den Faschismus zu behaupten wäre viel problematischer. Ich stelle mir die Frage, was wohl passieren wird, wenn es dem neuen polnischen Kapitalismus nicht gelingen sollte, sein Versprechen zu halten: über Jahrzehnte ungebrochenes Wachstum und ein Lebensniveau vergleichbar dem in Westeuropa .



Montag, 30. März 2015

Gender und Feminismus in Polen

Gender zerstört Polen! Gender zerstört die Familie.
Ich habe mehrmals in den Medien in Polen von den Gender-Ideologie gehört, aber am Anfang war es mir unklar, worum es eigentlich ging. Große Teile der Bevölkerung glauben, dass die Europäische Union eine sogenannte "Gender-Ideologie" verbreitet, und somit beabsichtigt, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu verwischen, was gefährlicher als Nazismus und Kommunismus ist. Tatsächlich, wenn ein kleiner Junge aus Versehen mit einer Puppe spielen sollte, wird er fast unvermeidlich zu einem Homosexuellen, dagegen werden Mädchen, die mit Autos spielen sollten, keine Kinder gebären wollen. Außerdem würde sexuelle Erziehung in der Schule die Jungs zu Pervertierten machen, über Sex sollten sie sich anhand Internetpornographie schlau machen.

Diese Leute befürchten auch, dass die Gender Ideologie zu mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen führen könnte. Dann könnten alle Männer zu Homosexuellen werden, wie es in Westeuropa schon passiert ist. Moment...

Manchmal wird das Thema Gender mit Feminismus vermischt. Im Unterschied zum Westen gibt es in Polen keine verbreitete Meinung, dass Frauen sich wie Männer verhalten müssten, um zu den gleichen Rechten zu kommen. Daher sind Frauen in Polen weiblicher und erwarten, dass sie mit Galanterie behandelt werden: man sollte ihnen den Sitz überlassen, die Türen öffnen, ihnen beim Gepäcktragen helfen, ihnen in den Mantel helfen, zuerst ihnen die Hände schütteln und vor allem in ihrer Anwesenheit nicht schimpfen.

Es muss erwähnt werden, dass in Polen wie in den anderen osteuropäischen Ländern ist der Anteil der Frauen, die eine Machtposition innehaben, höher als in Westeuropa ist. Das ist eine Hinterlassenschaft des Kommunismus, der den Frauen die gleichen Rechte und vor allem die gleichen Pflichten wie den Männern gab. Trotzdem sind es in den polnischen Haushalten immer noch die Frauen, die die Hausarbeiten erledigen.

Die Angst vor der Gender-Ideologie hat auch damit zu tun, dass der Feminismus im "westlichen" Sinn in Polen nicht existiert. Der Feminismus kann auch für Männer günstig sein, die somit von den sozialen Konventionen nicht dazu gezwungen werden, unbekannten Frauen behilflich zu sein. Ich bin der gleichen Meinung wie der Hauptprotagonist des Filmes "Dzien Swira" in dieser Szene: Ich bin für die volle Gleichheit der Geschlechter, sowohl in den Rechten als auch in den Pflichten.